Museumsmünze

Silberne Museumsmünze

Löwen in Thüringen – eine Münze mit vielfachem Lerneffekt

In der Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben ersetzt eine Münze das Papierticket. Nach dem Museumsbesuch kann man das Münz-Ticket mit nach Hause nehmen


„Schon mal etwas vom Homo erectus bilzingslebenensis gehört?“ Spätestens an dieser Stelle zieht Museumsdirektor Enrico Brühl auch die quirligsten Schulklassen in seinen Bann. Die Aufmerksamkeit ist ihm von Anfang an sicher. Denn statt Eintrittskarten aus Papier setzt die Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben im Landkreis Sömmerda (Thüringen) auf eine Münze.


Seit 2013 stellt das kleine, aber feine Museum auf der Rückseite seiner Eintrittsmünze eine neue fossile Tierart vor. Jedes Jahr eine andere. Waldelefant, Nashorn, Höhlenbär, Höhlenlöwe, Riesenhirsch. Tiere, die in dieser Region vor fast 400.000 Jahren zusammen mit jenem speziellen Urmenschen – Homo erectus bilzingslebenensis – lebten, von ihm gejagt oder genutzt wurden.

Museumsmünze Flusswels Sammlermünze Silber


2021 ziert ein Flusswels die Silbermünze, die als Eintrittskarte dient. „Das klingt im ersten Moment erst einmal vergleichsweise unspektakulär angesichts von Elefant und Nashorn, ist aber aus archäologischer Sicht hochspannend“, findet Museumsdirektor Brühl. Denn der Fund spreche „eindeutig dafür“, dass diese Welse gejagt worden sind. Somit würde die Thüringer Ausgrabungsstätte einen der ältesten, „wenn nicht sogar den ältesten“ Nachweis von Fischerei durch den Menschen erbringen.


Der Lerneffekt mit der Münze als Eintrittskarte wirkt Wunder. Während sie Brühls Erzählungen lauschen, tasten einige Kinder immer wieder ihre Museumsmünze. Meistens sind es Fünftklässler, deren Geschichtsunterricht im neuen Schuljahr mit der Steinzeit beginnt.


Hier und da fällt eine Eintrittsmünze klimpernd zu Boden, rollt zwischen den Schaukästen hindurch, bevor sie an der Glasvitrine mit einem Schädelskelett abprallt.


„Bevor wir die Münze statt Papierticket hatten, konnten sich die Kinder viel schlechter konzentrieren“


Enrico Brühl macht das nichts aus. Im Gegenteil. Die Schulklassen waren schließlich der Grund, weshalb er die jedes Jahr aufs Neue individuell gestaltete Museumsmünze als Eintrittskarte überhaupt eingeführt hat. Primär ging es dabei vor allem um eines: die soziale Komponente. Und das aus gutem Grund.


„Bevor wir die Münze statt einem Papierticket hatten, konnten sich die Kinder viel schlechter konzentrieren“, erzählt der Archäologe. So bemerkte er, dass einige Schüler so viel Geld in der Tasche hatten, „dass sie den halben Museumsshop leer kaufen konnten“. Andere hingegen „hatten gar kein Geld“.


Gerade bei jüngeren Klassen habe er beobachtet, „dass sie sich auf den Laden stürzten, bevor sie überhaupt im Museum waren“. Dabei fielen ihm immer wieder Kinder auf, die niedergeschlagen am Rand standen. Auch bei der Führung hörten sie nicht richtig zu. „Die waren fertig mit der Welt, bevor die Führung überhaupt angefangen hatte.“


Durch die Eintrittsmünze aber – und die Regelung, den Shop erst nach dem Ausstellungsbesuch zu betreten – hat sich die Situation völlig entspannt. „Dank der Museumsmünze!“, freut sich Enrico Brühl.


„Wenn ich mit den Kindern jetzt eine Führung mache, hat jeder seine Münze in der Hand“, sagt der Museumschef im Landratsamt Sömmerda. Die Geräusche klimpernder Münzen seien ihm lieber als traurige Gesichter. „Alle sind glücklich, der Druck ist raus. Das ist schon auffällig“, meint er.


Dreifach-Effekt der Münze: Eintrittskarte, Bindemittel, Brücke


Die Eintrittsmünze wirkt sich nicht nur in dieser Hinsicht positiv aus. Oft fällt der erste Museumsbesuch mit dem Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium zusammen. Die Fahrt zur Ausgrabungsstätte sei oft der erste gemeinsame Ausflug mit der neuen Klasse.


„Die Kinder sind in dieser Phase damit beschäftigt, sich zurechtzufinden. Sie sind aufgedreht, die Spannung ist deutlich spürbar“, so Brühls Beobachtung. Hier wirkt die silberne Eintrittsmünze Wunder: Sie fungiert nicht nur als Eintrittskarte, sondern auch als Bindemittel für den Klassenzusammenhalt und als Brücke hinein in den Unterricht.


Enrico Brühl freut sich, dass sein Konzept aufgegangen ist. „Was eine Münze alles ausmacht!“, freut er sich. Wo vorher Druck war, tritt jetzt Entspannung ein. Wo vorher soziale Unterschiede zutage traten, gleicht die Museumsmünze diese aus. Und dank des Münz-Tickets können die Kids sich sogar leichter konzentrieren.


Die volle Konzentration der Schülerinnen und Schüler brauchen Enrico Brühls Ausführungen auch. Denn die Thematik ist hochkomplex. Viel zu geballt für nur zwei Unterrichtsstunden. „Wir haben ein Niveau gefunden, auf dem wir es den Kindern und Jugendlichen anschaulich und mitreißend nahebringen können“, sagt Brühl. Das trägt Früchte. Die Eintrittsmünze öffnet buchstäblich Türen, die vorher verschlossen waren.


Attraktive Münze zum Sammeln


Auch einen gewissen Sammlereffekt hat Enrico Brühl bemerkt. Statt der Eintrittskarte die Medaille – das war natürlich für viele Münzliebhaber sehr attraktiv, meint der Museumsleiter. Manche Leute kämen gezielt vorbei, nur um sich die Museumsmünze zu kaufen.


Doch das habe sich mittlerweile insofern geändert, als „wir es geschafft haben, in den vergangenen Jahren jedes Jahr etwas neues Audiovisuelles in die Ausstellung zu integrieren, sodass die Leute jetzt auch die Ausstellung besuchen – und nicht nur die Eintrittsmünze kaufen“.


Insgesamt hat das Team mehr als 50 Tierarten nachgewiesen. Jede Menge Motive für viele Museumsmünzen in den kommenden Jahren!


Jetzt müssten nur noch mehr Besucher kommen, wünscht sich Enrico Brühl. Vor der Corona-Pandemie konnte die Ausgrabungsstätte mit rund 7000 Besuchern pro Jahr rechnen. Seit der Pandemie sind die Einbußen spürbar.


Doch auch abgesehen von der Pandemielage: Hier ist noch Luft nach oben, meint der Thüringer Archäologe und erklärt: „Das ist eben ein sehr spezielles Thema – immerhin begeben wir uns sehr tief in die Menschheitsgeschichte –, das nicht nur ein Grundinteresse voraussetzt, sondern auch gewisse Vorkenntnisse.“


Auch sei der abgelegene Standort nicht jedermanns Sache. „Die Zahlen würden anders aussehen, würden wir auf der Thüringer Städteachse zwischen Erfurt und Weimar liegen“, vermutet Brühl.


All diese Komponenten bewirken aber auch, dass die Leute, die sich nach Bilzingsleben auf den Weg machen, dies ganz gezielt tun. „Das sind dann Leute, die großes Interesse und Vorkenntnisse mitbringen – und viel Zeit. Sie verweilen lange bei uns, sind aktiv und stellen viele Fragen.“ 



Glücksfall derTaler – „Da trennt sich die Spreu vom Weizen“


Dass er auf den Taler gestoßen ist, bezeichnet Enrico Brühl als „großen Glücksfall“. Nachdem die bisherige Agentur, bei der das Landratsamt Sömmerda in den Jahren zuvor die Eintrittsmünze hatte prägen lassen, die Herstellung von Medaillen kurzfristig eingestellt hatte, musste die Umsetzung für die neue individuell gestaltete Museumsmünze sehr schnell gehen.


„Mit derTaler hat es sofort gepasst: die Kommunikation, die Qualität“, sagt Enrico Brühl. Mit dem neuen Design sei er „hochzufrieden“. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen“, stellt er fest. Die Feinheiten im Vergleich zum vorigen Design machen sich in den kleinsten Unterschieden bemerkbar.

Museumsmünze mit Sammlerwert Silber Altbiber


„Der Name des Tieres war sonst immer sehr schwer zu lesen, die Schriftart war unvorteilhaft – bei der Kleinteiligkeit fatal. Der Taler hat sich für eine neue Schriftart entschieden – die Leute können es schneller lesen, das ist viel klarer und sieht einfach schöner aus.“ Es ergebe sich einfach ein runderes Bild: Man schaut drauf, erfasst den Inhalt sofort und weiß, was gemeint ist. „Es gefällt mir eindeutig besser“, fasst Enrico Brühl zusammen.


Hoher Wiedererkennungseffekt


Auch wenn die Besucherzahlen saisonal schwanken und pandemiebedingt eingeschränkt sind, bleibt der Museumsdirektor zuversichtlich. Auch hier vertraut er auf die Museumsmünze. Denn neben ihrem sozialen und dem pädagogischen Aspekt sowie ihrem Wert für Sammler baut er auch auf ihren hohen Wiedererkennungseffekt.


„Sie landet vielleicht zu Hause in der Kramschüssel, und dann entdeckt man sie plötzlich wieder, nimmt sie in die Hand, erinnert sich, denn darauf steht ja die Jahreszahl – und schon ist der Bezug hergestellt“, ist er sich sicher.


Das Interesse wird so möglicherweise wieder geweckt, hofft er. Mit dem früheren Besuch verbundene Erinnerungen und die damit verbundenen Gedanken und Empfindungen werden reaktiviert. Und so mancher denkt vielleicht: Zeit, mal wieder hinzufahren.


Denn in der Ausgrabungsstätte Steinrinne Bilzingsleben gibt es jedes Jahr etwas Neues zu entdecken. Auch das ist es, was Enrico Brühl den Besuchern mit der Museumsmünze als Eintrittskarte mit auf den Weg geben will.

Nachprägung für Museum

Museum lässt Münze nachprägen

Eine Münze und ihre Geschichte

Für seine Ausstellung „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“ ließ das Deutsche Historische Museum Berlin die „Passmarke Swakopmund“ nachprägen.

Anfassen erlaubt – dank einer Kopie können Besucherinnen und Besucher die Messingmarke „Passmarke Swakopmund“ an der Inklusiven Kommunikations-Station im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM) erfühlen. Das Original selbst, das ebenfalls in der Ausstellung hinter Vitrinenglas präsentiert wird, ist schon mehr als 100 Jahre alt: Es steht für die Kolonialherrschaft der Deutschen in der früheren deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem Gebiet des heutigen Namibia.

Die Deutschen führten die Passmarke nach Ende des Krieges gegen die Herero und die Nama ein, zwei Bevölkerungsgruppen, die sich gegen die koloniale Unterdrückung gewehrt hatten. Alle Herero ab dem Alter von sieben Jahren mussten sie tragen. Darin eingeprägt sind die Kaiserkrone und ein Gebiet, in diesem Fall Swakopmund. Darunter steht eine Nummer.

Indiviuelle PlakettePassmarke Swakopmund

Passmarke zur Kontrolle

„Jeder bekam eine Nummer, wurde registriert, durfte sich nur in dem jeweiligen Gebiet aufhalten und nicht mehr frei bewegen“, erklärt Sarah Maupeu von der DHM-Bildungsabteilung. Die Passmarke war also ein Kontrollinstrument: Die deutsche Kolonialmacht wollte damit weitere Aufstände verhindern und die Kolonisierten zur Zwangsarbeit einteilen.

Die ovale Original-Passmarke würde sich bei der Berührung von durchschnittlich mehr als 700 Menschen täglich vermutlich nach kurzer Zeit abnutzen oder gar oxydieren. Von den strengen konservatorischen Auflagen ganz zu schweigen. Doch dank der Nachprägung werden die vielfältigen Aspekte von Geschichte begreifbar. Das Deutsche Historische Museum hat sich daher bewusst für diese Kopie der Passmarke entschieden. Zudem erfüllt sie am ehesten die Kriterien, die eine Inklusive Kommunikations-Station erfordert: Geschichte mit allen Sinnen erleben. Mindestens zwei Sinne sollen jeweils an den Stationen angesprochen werden. Die Idee dahinter: Alle sollen einen Zugang zur Ausstellung haben; alle sollen die Möglichkeit haben, den historischen Gegenstand zu erfahren.

Auf die Marke gekommen

Bei der Auswahl der Gegenstände gehe es immer um die Frage: „Welches Objekt ist überhaupt geeignet? Welche Geschichte kann man damit erzählen?“, berichtet Sarah Maupeu. „Uns war sehr schnell klar, dass es auf diese Passmarke hinausläuft“, sagt die Führungsreferentin. Denn die Passmarke stehe für einen bestimmten Themenrahmen – in diesem Fall „Koloniale Herrschaft“ und „Koloniale Weltbilder“. Das Museumsteam sei dann „schnell auf diese Passmarke gekommen“, denn mit ihr könne man sehr viele Geschichten erzählen, erklärt Maupeu. „Man kann über den Krieg sprechen, der davor stattgefunden hat, aber auch aufzeigen, was danach weiter passiert ist, und den Widerstand thematisieren sowie den Völkermord an den Herero und Nama – das sind zentrale Themen in diesem Raum.“

Die Nachprägung der Taler-Passmarke liegt gleich am Anfang der Ausstellung aus. Am Ende des Raumes können Besucher dann die Originalpassmarke in einer Vitrine betrachten – mit spürbarem Aha-Effekt: „Diese Passmarke hatte ich gerade schon in der Hand, so sieht also das Original aus!“

Weitere Infos:

Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart

14. Oktober 2016 bis 14. Mai 2017

Deutsches Historisches Museum

Unter den Linden 2

10 117 Berlin

Disclaimer: Um dem allgemeinen deutschen Sprachgebrauch zu entsprechen, werden unsere Produkte auf dieser Seite als „Münzen“ bezeichnet. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich jedoch um individuell geprägte Medaillen und keine aktuellen oder ehemaligen Zahlungsmittel handelt.